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E-kniha: Du kannst mein Angesicht nicht schauen - Jan Kameníček

Du kannst mein Angesicht nicht schauen

Elektronická kniha: Du kannst mein Angesicht nicht schauen
Autor:

Dem Tschechischen Schriftstellers Jan Kameníček (http://www.jankamenicek.cz/de/) erscheint in deutscher Übersetzung zwei Werke in einer Auflage verbunden. Das Buch „Du kannst nicht mein Angesicht ... (celý popis)
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Nakladatelství: » Tribun EU
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EPUB, MOBI, PDF
Upozornění: většina e-knih je zabezpečena proti tisku
Médium: e-book
Počet stran: 165
Rozměr: 18 cm
Vydání: 1. Ausg.
Spolupracovali: Übersetzung Eva Berglová
Jazyk: česky
ADOBE DRM: bez
ISBN: 978-80-739-9851-6
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Popis

Dem Tschechischen Schriftstellers Jan Kameníček (

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Jan Kamení ček

Du kannst mein Angesicht nicht schauen

Tribun EU

2014


© Jan Kamení ček

Translation © Eva Berglová


Das Haus

Doch mein Angesicht kannst du nicht schauen, denn

kein Mensch kann mich schauen und dabei am Leben

bleiben.

2. Moses 33.20



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Er blieb stehen, schaute auf den Zettel in seiner Hand,

dann auf die Hausnummer, die auf einer gemauerten,

ziemlich abgeblätterten Säule angebracht war, welche

mit einer zweiten das Tor festhielt, das verschlossen

war, wovon er sich überzeugt hatte. Als er sich verge

wissert hatte, dass die Hausnummer mit der Nummer

auf dem Papier in seiner Hand übereinstimme, griff er

in die Manteltasche und zog zwei, mit einem Stückal

ten Bindfaden zusammengebundene Schlüssel hervor.

Die Schlüssel und die Adresse bekam er auf dem Amt

gemeinsam mit dem Angebot, dass er bis achtzehn Uhr,

bis wann er die Schlüssel unbedingt zurückgeben muss,

das Haus in Ruhe besichtigen kann und erst dann, nach

eigenem Erwägen, dem Gericht mitteilen soll, ob er im

Hause wohnen will oder nicht. Mit dem einen Schlüssel

versuchte er das Schloss im Tor zu öffnen. Zweimal

drehte er den Schlüssel um und sobald er die verrostete

Klinke drückte, öffnete sich das Tor mit Gekreische. Er

betrat einen kleinen betonierten Gehweg. Schon vorher,

als er vor dem verschlossenen Tor stand, konnte erwe

nigstens einen Teil der Villa sehen, er tat es aber nicht,

er wich mit seinem Blick aus, er wollte sich den Blick

erst gönnen, wenn das Tor offen ist und er auf dem

Grundstück steht. Er wollte noch hinter sich das Tor

schließen, aber die Klinke auf der anderen Seite des

Tores fehlte, offensichtlich öffnete der Besitzer das Tor

nur mit dem Schlüssel, dachte er, während er sich das

etwas seltsam eingerichtete Schloss ansah. Er klappte


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das Tor mit einer bloßen Handbewegung zu. Er drehte

sich um, wendete den Kopf und schaute auf denhöchs

ten Punkt der Villa, den Spitzgiebel. Nach einer Weile

wurde ihm schwindelig, wie der Giebel in den Wolken

des Herbsttages schwamm. Schnell senkte er den Kopf,

rieb sich die Augen und blickte vor sich hin. Er sah den

symmetrisch gelösten Hauseingang, einige Stufen zur

erhöhten Terrasse, hier ließ sich, dachte er, nur schwer

der Eingang ins Haus ahnen. Er machte einige Schritte,

schritt auf vier Stufen nach oben und befand sich auf

der Terrasse. Der Terrassenboden war voller Staub, er

hinterließ auf ihm helle Spuren. Er ging zu derschmut

zigen Tür, offensichtlich dem Haupteingang ins Haus.

Er wollte mit dem zweiten Schlüssel auch diese Tür

öffnen, vorher aber drückte er die Klinke nieder und die

Tür öffnete sich erstaunlicherweise. Er betrat das Haus,

den dunklen Flur, und plötzlich drehte sich ihm wieder

so seltsam der Kopf, zunächst nur schwach, nur wie in

einem leichten Taumel, süß und voller Duft. Er musste

sich auf die hölzerne Treppenstufe setzen und warten,

bis sich sein Kopf und sein Körper beruhigten. Zum

Glück fühlte er sich nach einer kurzen Weile wieder

ganz in Ordnung, so dass er aufstehen und sich um

schauen konnte. Er sah eine Holztreppe, dieoffensicht

lich in den ersten Stock des Hauses führte, er sah eine

Tür, die sich links von ihm befand, er sah eine gegen

überliegende Tür und er sah, nachdem er einigeSchrit

te gemacht hatte, Steinstufen, die nach unten führten,


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wahrscheinlich in den Keller dieses Hauses. Er blieb

stehen, hielt den Atem an und lauschte eine Weile ge

spannt. Er hörte, was ihn überraschte, eine schwaches

Geräusch, einen leisen metallischen Laut. Bald aber

hörte er auf, diesem Laut Aufmerksamkeit zu widmen,

überzeugt davon, dass es sich bestimmt darum handelt,

dass Zweige die Wand oder die Dachrinne am Haus

berühren. Er ging zur Tür, die sich links von ihm be

fand und wollte die Klinke niederdrücken. Aber statt

einer Klinke war hier nur ein großer runder Metall

knopf, auch an der gegenüberliegenden Tür war keine

Klinke. Er nahm an, dass die Schlüssel irgendwo in der

Nähe der Haustür hingen, wie es oft üblich war. Erbe

rührte mit dem Handteller die Tür und durchforschte

mit den Fingern jeden Zentimeter des Türrahmens.

Plötzlich vernahm er ein paar deutliche Schritte, und es

war ihm klar: Keine Zweige, keine Dachrinne, dasGe

räusch kann vom Hausmeister stammen, es ist ganzof

fensichtlich, dass hier jemand ist, der im Hause wohnt.

Schon wollte er auf den Steinstufen in den Keller ge

hen, wo er die Wohnung des Hausmeisters vermutete,

aber im letzten Moment beschloss er, das Haus in aller

Ruhe ohne dessen Gesellschaft zu besichtigen.

Er sieht sich inzwischen die Einrichtung im ersten

Stock ohne Anmerkungen eines fremden Menschen an,

der hier zu Hause ist und auch um das, wie so üblich,

loben zu können, was hier nicht lobenswert ist. Erbe

trat die Holztreppe, die in den ersten Stock führte. Die


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Stufen knarrten unter der Last seines Gewichts. Er

schrocken blieb er stehen, es war ihm kein bisschen

angenehm, sollte ihn der Hausmeister hier überraschen.

Auch wenn es genügen sollte, wie er mit Erleichterung

folgerte, ihm Adresse und Telefonnummer der Behörde

auf dem Zettel zu zeigen. Ein Anruf würde sein Ein

dringen in das Haus bestimmt erklären. Mit dem Ge

fühl, etwas Unerlaubtes zu tun, was jedoch gleich auf

zuklären wäre, wenn er vom Hausmeister überrascht

würde, ging er vorsichtig auf den hölzernen Stufen

immer weiter nach oben. Er erreichte ein Podest imers

ten Stock, ja, er konnte sogar im Dämmerlicht des

Treppenhauses die schönen Kupferstiche einer Stadt,

die an den Wänden aufgereiht waren, bemerken, und

stellte fest, dass es auch hier zwei Türen gibt, eine

rechts, die andere gegenüber. Er schaute nach oben, das

Treppenhaus zog sich in die Höhe, wahrscheinlich hin

zum Dachboden oder in den zweiten Stock. Er be

schloss, jetzt nicht nach oben zu gehen, er schaut sich

inzwischen die Zimmer hier an, wenn es ihm allerdings

gelänge, die Türen zu öffnen. Er beugte sich nochein

mal vorsichtig über das hölzerne Treppengeländer und

lauschte, ob der Hausmeister sein Gebaren nicht schon

verfolgte. Das Geräusch hörte nicht auf, so schlussfol

gerte er, dass er durch die Tür gehen könne. EinigeMa

le klopfte er zur Sicherheit an. Er neigte den Kopf zur

Tür und lauschte aufmerksam, ob hinter der Tür je

mand sei. Zum Beispiel die Frau des Hausmeisters,


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dachte er, sie kann hier putzen, und dann wird es besser

sein, wenn sie ihm öffnet. Er hatte gut daran getan,

nicht hinein zu gehen, dass er den Regeln guten Benehmens folgend, vor der Tür stehen blieb. Die Tür

öffnete sich nämlich nach einem Weilchen, in ihr stand

eine schöne Dame, etwa sechzigjährig, mit schönem

üppigem Haar, von Silber durchwoben. Er konnte sie in

Ruhe betrachten, die Frau stand ihm gegenüber, sich

mit einer Hand auf den Türflügel stützend und ihn

freundlich anlächelnd. Er sah ein schönes dunkles

Kleid, das die Frau trug, mit Spitze um den Hals, er

bemerkte ihre überraschend schlanke Figur mit fester

Brust, die vielleicht nicht einer Sechzigjährigen gehören könnte. Vielleicht, so urteilte er, ist die Frau gar

nicht so alt, auch wenn – er schaute ihr jetzt aufmerksam ins Gesicht – ihr Antlitz um die Augen und den

kleinen halboffenen Mund voller Falten war.

Die Frau wartete ganz offensichtlich darauf, bis er sie anspricht und den Grund sagt, warum er sie gestörthabe. Er grüßte und fragte gleich, ob sie die Frau des Hausmeisters sei, den er seit dem Moment, seit dem er das Haus betreten habe, höre.

„Nein“, sagte die Frau ruhig, ohne ihn anzublicken, „ich bin nicht die Frau des Hausmeisters. Ich wohne hier. Ich bin Witwe“, und schaute dabei inoffensichtlicher Verlegenheit irgendwohin über seine Schulter hinweg.

„Moment“, sagte er mit einem Lächeln und tastete in die Manteltasche. Er zog den Zettel heraus und las ihr die Adresse vor.

„Ja“, sagte die Frau, „das stimmt gewiss.“

Dann ist das alles ganz offensichtlich ein Irrtum, dachte er.

„Auch in den anderen Wohnungen hier wohnt jemand?“, fragte er belustigt. Die Frau nickte. „Ja, hier sind in allen Wohnungen Mieter.“

„In dem Falle“, sagte er mit einer kleinen Verbeugung, „bitte ich Sie um Entschuldigung. Auf der entsprechenden Behörde hat man das bestimmt verwechselt. Das ist offensichtlich ein Irrtum, darüber gibt es nicht den geringsten Zweifel“, lächelte er belustigt. „Man gab mir“, und er klimperte mit den Schlüsseln, „man gab mir auch die falschen Schlüssel. Ja“, nickte er, „ein Irrtum direkt auf dem Amt.“

„Wo?“, fragte sie ohne Interesse.

„Direkt auf dem Amt“, sagte er.

„Ach so, das sind also Sie?“, Die Frau sah ihn überrascht an.

„Sie wissen etwas über mich, Madame?“

„Ja, nicht viel“, lächelte sie.

„Das muss sich aufklären“, sagte er. „Haben SieTelefon?“

Die Frau nickte. „Habe ich. Ich rufe wenig an, aber ein Telefon habe ich. Eigentlich rufe ich niemals jemanden an.“

„Und darf ich telefonieren?“

„Gewiss, kommen Sie herein.“

Es war eine schöne Wohnung. Er konnte einen Blick in eines der Zimmer werfen, duftende antike Möbel, Perserteppich auf dem Fußboden, alte Gemälde an den Wänden. Die Frau jedoch verschloss vor ihm die Tür in das Zimmer. Aber auch der Flur, in dem er stand, war herrlich. Alte Tapeten mit Jagdmotiven, antikeSchränke, ein kleines Tischchen mit dem Telefon. Die Frau stand an der Tür, sich an diese anlehnend, und schaute nachdenklich irgendwohin an die gegenüberliegende Wand. Sie wartete, bis er anrief und wird ihn dann aus der Wohnung wegschicken können.

Er nahm den Hörer ab und wählte die Nummer von dem Zettel. Nach einer Weile vernahm er eineMännerstimme:

„Bitte. Sie wünschen?“

„Guten Tag“, sagte er in den Hörer und drehte sich um, damit die Frau möglichst wenig hören konnte, „Ist das das Wohnungsamt? Ich möchte sprechen mit... Hallo?“ Einige Male schrie er in den Hörer, es schien ihm, dass auf der anderen Seite eine ungewöhnliche Stille herrschte.

„Ja, ich höre Sie“, sagte die Stimme im Telefon, „was wünschen Sie?“

„Ist das das Wohnungsamt?“

„Nein, das ist eine Privatwohnung.“

Er wiederholte die Nummer ins Telefon.

„Die Nummer stimmt. Was wünschen Sie?“

„Ich möchte das Wohnungsamt“, schrie er ungeduldig.

„Das ist ein Irrtum, hier ist eine Privatwohnung. Sagen Sie, was Sie wünschen, ansonsten muss ich das Gespräch beenden. Damit Sie verstehen, ich begebe mich auf eine langfristige Reise und muss noch die Koffer zu Ende packen. Sagen Sie, was Sie wünschen und halten Sie mich nicht mehr auf.“

„Ich möchte mit dem Wohnungsamt sprechen!“

Ich sagte Ihnen doch“, sagte die Stimme auf deranderen Seite, „dass Sie eine Privatwohnung anrufen. Das Gespräch beenden wir, ich begebe mich auf eine langfristige Reise und muss noch meine Koffer zu Ende packen. Ich grüße Sie!“

Und er hörte, wie der Mann auf der anderen Seite den Hörer auflegte. Er wandte sich um, um wenigstens mit einem Blick der Frau sein peinliches Tun erklären zu können, aber die Frau stand nicht mehr dort. Er wollte zur Tür gehen, sie öffnen und die Frau zurück in den Flur rufen, aber die Telefonschnur war zu kurz. Er legte also den Hörer auf die Gabel und blieb, wie es sichgehört, an der Wohnungstür stehen.

Nach einer Weile wurde ihm bewusst, dass es hinter der Tür ungewöhnlich still ist. Er trat näher heran und legte das Ohr an die Tür. Es war still, er hörte nurseinen eigenen schneller gehenden Atem. Er klopfte, dann noch einmal. Er fasste an die Klinke und öffnete die Tür. Der Raum war leer. Er sah den herrlichen Perserteppich auf dem Boden, die Gemälde an der Wand und die schönen antiken Möbel.

Auf dem Tisch inmitten des Zimmers lag irgendein Zettel.

Neugierig las er:

Ich weiß, dass Sie das Dach reparieren gehen! Alle haben wir es schon satt. Wir warten nur noch, dass es jeden Tag auf uns herunterfällt. Ich wünsche Ihnen viel Glück und Erfolg bei der Arbeit!

Die Unterschrift unleserlich.

Es gab hier noch eine verglaste Tür. Er trat an diese heran und drückte die Klinke. Verschlossen, die Frau wollte offensichtlich nicht mehr mit ihm sprechen, deswegen der Zettel auf dem Tisch. Was sie sagen wollte, hat sie gesagt, er muss jetzt gehen. Still schritt er durch den Flur und ließ die Tür leise hinter sich ins Schloss fallen. Eine Weile lauschte er, aber die Frau war nicht mehr zu sehen. Er trat neugierig vor diezweite Tür und klopfte leicht an. Er dachte zuerst, er hätte sich geirrt, dass der Ton nur aus dem Keller zu hören war. Er beugte sich über das Geländer, aber das Geräusch aus dem Keller war ein anderes. Er beugte sich zu der Tür und lauschte. Er hörte seinen eigenen Atem. Er klopfte noch einmal an und die Tür öffnete sich. Er sah das Auge eines Mannes unter dichten Augenbrauen.

„Guten Tag“, sagte er.

„Lassen Sie diesen Krawall!“, erklang es hinter der Tür.

„So öffnen Sie!“

„Ich werde mit Ihnen auf diese Weise sprechen“, erklang es hinter der Tür. „Und wenn Ihnen das nicht passt, dann machen Sie sich fort!“

„Ich bitte Sie...“, er hielt inne. Auf einmal wusste er nicht, was er fragen sollte und überlegte, wie er sich in diesem peinlichen Moment verhalten soll.

„Sie sind wegen unseres Dachs gekommen?“

„Nein, deswegen nicht!“, sagte er überrascht, „ich will dieses Haus mieten und will hier wohnen, das ist alles.“

„Hier wohnen Leute“, sagte der Mann hinter der Tür, „jede Wohnung ist hier bewohnt.“

„Jede?“, wunderte er sich.

„Ja, jede... in einigen wohnen sogar mehrere Familien.“

„Moment“, unterbrach er den Mann, „nebenan von Ihnen wohnt nur irgendeine Dame, sie hat eine große Wohnung, wie ich annehme. Und sie wohnt dort allein. Dem ist doch so?“

„Das kommt Ihnen nur so vor“, erklang es hinter der Tür, „oder haben Sie vielleicht ihre ganze Wohnung gesehen?“

Er musste bekennen, dass er sie nicht gesehen hatte.

„Allerdings, ich sah ihr Wohnzimmer“, fügte er hinzu, „mit einem wunderschönen Perserteppich, mitherrlichen Gemälden und antiken Möbeln.“

„Aber ihre Wohnung“, unterbrach ihn der Mann hinter der Tür, „ihre ganze Wohnung haben Sie nicht gesehen. Dem ist doch so?“

„Nein. Ich sage Ihnen, dass ich sie nicht gesehenhabe.“

„Meine Wohnung“, sagte der Mann, „meine Wohnung haben Sie auch nicht gesehen. Also wissen Sie nichts.“ Der Mann nickte einige Male nachdenklich mit dem Kopf. „Sie gehen das Dach reparieren?“

„Was haben Sie andauernd mit dem Dach?“, schrie er verärgert, weil seine Geduld zu Ende war und er sich nicht weiter mit diesem Mann durch die geschlossene Tür abgeben wollte.

„Ich will Ihnen ins Gesicht sehen“, sagte er, „es ist mir unangenehm, so mit Ihnen zu reden. Hören Sie?“

Die Tür öffnete sich. In ihr stand ein alter Mann, alt im Gesicht, mit langen weißen Haaren, die ihm bis zu den Schultern reichten, in einem schönen, goldbestickten Morgenrock und in Pantoffeln.

„Guten Tag“, grüßte er überrascht und streckte die Hand aus, er wollte dem Mann die rechte Hand reichen als Zeichen für Freundschaft und Frieden.

„Ich will Ihnen nicht die Hand geben, wenn ich nicht weiß, wer Sie sind. Sind sie ein Arbeiter? Ein Monteur? Gehen Sie das Dach reparieren?“

„Nein“, sagte er.

„Dann ist es nur gut, dass ich Ihnen die Hand nicht reiche, Sie haben, wie es scheint, hier nichts zu suchen.“

„Ich will das Haus mieten. Das ist alles.“

Der Mann schaute ihn eine Weile an. „Dieses Haus ist nicht zum Vermieten. Allerdings“, sagte er, „jetzt verstehe ich das schon gut und verstehe alles. Also herzlich willkommen!“

„Nein, i wo!“, berichtigte er sich schnell, „ich gehöre nicht hierher!“ Der Mann nickte nachdenklich mit dem Kopf. „Aber ja, Sie gehören hierher, wenn Sie hier sind, dann gehören Sie auch hierher. Es sei denn...“, sagte der Mann.

„Es sei denn...?“, wiederholte er nach ihm.

„Es sei denn“, ergänzte der Mann, „Sie sind gekommen, das Dach zu reparieren.“

„Was haben Sie dauernd mit dem Dach? Ich höre nichts anderes, nur immer von dem Dach!“, sagte er fast verzweifelt. „Ich bin weder Monteur noch Arbeiter!“

„Was sind Sie dann?“

„Ich bin Maler.“

„Anstreicher?“

„Nein, ich male Bilder. Stillleben, Porträts,Gruppenoder Einzelporträts. Glauben Sie mir?“

„Mein Herr“, sagte der Mann, „mir ist egal, was Sie sagen. Hier kann man sich ausdenken, was man will. Hier denkt sich jeder ein bisschen aus. Man kann dem anderen irgendwelche Geschichtchen und die Wahrheit erzählen. Zum Schluss glauben Sie das selbst.“ Und nachdenklich schaute er ihn. „Ich verstehe das sowieso nicht. Sie sind kein Arbeiter und Sie gehen nicht das Dach reparieren...“

„Ich bin gekommen, dieses Haus zu mieten oder zu kaufen. Ich will darin leben und arbeiten. Ich sehe jedoch“, sagte er geduldig, „dass das Haus bewohnt ist, und das alles wahrscheinlich ein Irrtum ist. Nur so nebenbei, haben Sie Telefon?“

Der Mann nickte.

„Ich möchte gern telefonieren.“

Der Mann zeigte auf den Telefonapparat. Endlich sah er sich im Flur um. Er war klein, nur ein paarQuadratmeter, mit einem alten Abtreter auf dem Boden, ohne Bilder an den Wänden. Er wählte die Nummer desentsprechenden Amtes.

„Bitte?“

„Guten Tag, das ist das Wohnungsamt?“

„Ach, das sind wieder Sie?“, erklang es auf deranderen Seite, „lassen Sie mich in Ruhe, seien Sie so nett. Ich begebe mich auf eine lange Reise, ich habe keine Zeit mit Ihnen zu spaßen. Und wenn Sie noch einmal anrufen...“

Er legte auf.

„Danke“, sagte er, „seien Sie nicht böse, dass ich Sie belästigt habe. Jetzt gehe ich endlich zum Hausmeister, vielleicht klärt sich alles auf.“

„Zu wem?“, sagte der Mann belustigt.

„Zum Hausmeister. Sagen Sie bloß, dass es hier keinen Hausmeister gibt! Ich habe ihn einige Male ganz deutlich gehört, dieses Geräusch ist doch...“ Er schaute den Mann an, „es gibt hier sicher einen Hausmeister! Ja oder nein...?“

„Ja, sagen wir, dass es der Hausmeister ist, auch so kann man zu ihm sagen. Bitte...“, der Mann streckte die Hand hinter seinem Rücken aus und mit demanderen Arm zeigte er zur Tür. Er ging aus der Wohnung hinaus, der Mann war bereit, sich zu verabschieden und die Tür hinter ihm zuzuschlagen.

„Noch einmal herzlichen Dank und entschuldigen Sie, dass ich Sie gestört habe.“

„Keine Ursache“, sagte der Mann ganz entgegenkommend. „Sie haben mich nicht gestört. Ich habe hier gesessen und nachgedacht. Behüt Sie Gott.“

„Auf Wiedersehen“, sagte er.

Die Tür wurde geschlossen. Warum sprach der Mann vom Dach, genauso wie die Frau vor ihm? Er geht jetzt gleich dorthin und schaut nach. Wenn das Dach wirklich kaputt ist, hätte es überhaupt keinen Sinn, das Haus zu mieten, das wäre eine sehr große Investition. Auch wenn das alles gewiss ein großer Irrtum sein kann, ein unangenehmes Versehen. Und auf dem Amt hat nie

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mand etwas von irgendwelchen Mietern gesagt, über

legte er, als er die Treppe hinauf ging. An den Wänden,

wie er bemerkte, hingen Bilder blühender Gärten,

gleich daneben das Bild des Teufels, eineKinderzeich

nung, und weiter ein Bild von einem Blinden, der auf

einer großen grünen Wiese steht. Ihn überraschte eine

solche Kombination der Motive. Er blieb auf dem Po

dest stehen, wo ein weiteres Bild hing. Eine riesige

Leinwand mit dem kitschigen Motiv des Ikarus, wie er

ins Meer stürzt. Er griff nach der Türklinke, der einzi

gen, die hier blieb. Er öffnete die Tür und blickte vor

sichtig ins Innere. Er spürte die warme Luft voller

Staub und langjährigem Schmutz. Der Dachboden war

leer und still, durch ein kleines Fensterchen und die

Ritzen der Dachziegel fiel Licht hinein. Es schien ihm,

dass das Dach nicht besonders beschädigt sei, er wollte

es sich dennoch sorgfältiger ansehen, er hörte jedoch in

dem Moment, als er den Dachboden betreten wollte,

ein starkes Geräusch, zur Sicherheit schloss ervorsich

tig die Tür und blieb auf dem Podest stehen. Das Ge

räusch war stark und kam von der Wand, wo die Zen

tralheizung war. Er lächelte, offensichtlich hat der

Hausmeister unter dem Kessel nachgelegt und das Ge

räusch zog sich durch die Heizungsrohre nach oben. Er

atmete auf. Es ist feige, dass er sich so verhält. Wäre es

nicht besser, zum Hausmeister hinunter zu gehen und

sich ihm vorzustellen? Sich mit der Adresse und der

Telefonnummer des Amtes zu legitimieren? Er ging langsam die Treppe hinunter. Er ging durch den ersten Stock. Die Frau und der Mann haben ihn bestimmt die ganze Zeit beobachtet, weil in dem Moment, als er das Podest betrat, die Türen beider Wohnungen blitzschnell geschlossen wurden. Er erreichte das Erdgeschoss. Er wollte auf den Steinstufen noch weiter nach unten gehen, als eine Tür geöffnet wurde und ein junger Mann herauslief, der aufgeregt gestikulierte.

„Dorthin dürfen Sie nicht!“, flüsterte er aufgeregt. „Gehen Sie nicht dorthin!“

„Warum?“, fragte er überrascht.

Der junge Mann gestikulierte aufgeregt mit denHänden vor seinem Körper. Er hatte ein schmales mageres Gesicht, schlanke Finger und einen schlanken Körper und war mit einem hellen Pyjama bekleidet.

„Warum soll ich nicht dorthin gehen? Ich gehe etwas fragen. Wissen Sie“, sagte er, „ich bin hier aus Versehen, ich habe die falschen Schlüssel bekommen. Ich muss also mit dem Hausmeister sprechen.“

„Das ist kein Hausmeister! Das ist kein Hausmeister!“, schrie der junge Mann fast und gestikuliertewieder mit den Armen, „das ist doch kein Hausmeister, wie kommt es, dass Sie das nicht wissen?“

„Nein, das weiß ich wirklich nicht“, lächelte er den jungen Mann an, „und im Übrigen, lassen Sie michgehen!“ Und er fügte hinzu: „Das geht Sie nichts an,wohin ich gehe oder wohin ich gehen will.“

Er entriss sich dem jungen Mann, der ihn inzwischen erfasst hatte und am Mantel festhielt. Kaum war er ihm entronnen, verschwand der junge Mann wie der Blitz hinter seiner Wohnungstür und beobachtete ihn durch einen engen Türspalt. Absichtlich beachtete er denjungen Mann nicht. Langsam und bewusst gleichgültig blickte er auf die Bilder an der Wand. Es waren alles Blumenkupferstiche. Über die Steinstufen ging er tiefer in den Keller hinunter. In dem Dämmerschein erkannte er noch irgendeine Zeichnung eines Lämmchens, das ein kleiner Junge auf einer sonnigen Wiese hütete.

Der Gang im Keller war nicht erleuchtet, das einzige Licht drang von oben ein, mit Mühe erkannte er eine Tür hinter einer kleinen Nische links, eine weitereeinige Meter tiefer im Gang und dann noch eine gegenüber davon und die letzte rechts. Mit Mühe las er, und dazu musste er sich zur Tür hinabbeugen, ein Schild, auf dem mit krakeliger Schrift geschrieben stand: Hausmeister. Da soll ihm doch noch einer behaupten, dass es hier keinen Hausmeister gibt, er ist wahrscheinlich unter lauter Irre geraten. Er kehrte zur Tür zurück, von wo das Geräusch erklang und öffnete leise die Tür.

Ihm stockte der Atem. Vielleicht war es die Wärme, die von hier ausströmte, oder es war vor Schreck. Er erblickte einen Mann in einer langen Lederschürze, der gerade einen Kater oder eine große Katze auf eine Schaufel legte und diese langsam in die offeneKesseltür schob.

Er machte schnell die Tür nicht ganz zu und schaute zum Heizer nur durch einen engen Türspalt. Das Gesicht des Mannes war vom Feuer des offenen Kessels beleuchtet, Tränen rollten ihm die Wangen hinunter, die er mit dem Ärmel abwischte, als er langsam die Kesseltür schloss. Zur Sicherheit klopfte er einige Male an die Tür und öffnete diese geräuschvoll.

Der Mann richtet sich heftig auf und kniff die Augen ein bisschen zu, um den Besucher besser sehen zukönnen. „Was wünschen Sie?“, schrie er erschrocken, „was machen Sie hier?“

„Ich bekam die Schlüssel vom Wohnungsamt“,klimerte er mit den Schlüsseln über seinem Kopf, „sehen Sie? Nämlich...“, er lächelte unsicher, „es sind diefalschen Schlüssel. Man sagte mir, ich kann mir das Haus ansehen und nach reiflichem Erwägen mitteilen...“, und er fügte hinzu: „So oder so muss ich die Schlüssel bis 18 Uhr unbedingt“, und auf dieses Wort legte er besonderen Nachdruck, „zurückbringen. Und weil die Wohnungen voll besetzt sind, handelt es sich ganz bestimmt um einen Irrtum. Es ist ganz bestimmt ein Irrtum“, wiederholte er verwirrt.

Der Mann stellte die Schaufel in die Ecke, zog langsam die Handschuhe aus und hüllte sich weiter in Schweigen.

„Es wird bestimmt gar kein Problem sein, diese Situation aufzuklären“, lächelte er den Hausmeister an, „ein einziger Anruf bei dem entsprechenden Amt wird das klären.“ Die Wärme, die der glühende Kessel ausströmte, war unerträglich. Der Mann kam auf denkleinen Betonstufen auf ihn zu.

„Haben Sie bitte ein Telefon?“, fragte er den Hausmeister geduldig. „Ich könnte auf dem Amt anrufen, wissen Sie? Es wird sich gewiss alles aufklären...“ Auf einmal standen sie sich auf dem kleinen Podest gegenüber. Er bemerkte mit Erleichterung, dass der Mann immer noch Tränen in den Augen hatte.

„Kommen Sie bitte“, sagte der Hausmeister mit weicher Stimme.

Die Wohnung des Hausmeisters war nicht gerade groß, aber überall an den Wänden waren lauter Blumenbilder und Bilder entzückender Lämmer, die ein kleiner Junge hütete, an der Tür stand ein Telefon. Dankbar wählte er die Nummer, er hörte aber nur das langgezogene Rufzeichen. Er legte den Hörer zurück auf die Gabel und griff in die Tasche.

„Sehen Sie hier die Schlüssel? Sehen Sie sie?“ Er war selber überrascht, wie entschlossen seine Worte klangen, „ich gehe jetzt von hier weg, ich mach mich auf die Socken und gehe weg. Aber die Schlüssel ...die Schlüssel, die behalte ich, so ist es!“ Der Hausmeister beobachtete ihn still und mit Interesse, aber dann drehte er sich um und schritt so forsch wie möglich aus der Wohnung. Auf dem Gang blieb er stehen und beugte sich zurück zur Tür.

„Es muss nämlich..., es muss nämlich gar nichts erklärt werden. Damit das klar ist!“ Er war entschlossen, die Tür zuzuschlagen, als in dem Moment der Hausmeister ihn mit einem traurigen Blick ansah, einem so klagevollen Blick, so dass sich das Herz vor Bedrängnis zusammenkrampfte.

„Wenn Sie wüssten“, sagte der Hausmeister weinerlich, „wie gern ich sie hatte und was sie für michbedeutete“, fügte er hinzu. „Das war Ihre Katze?“, fragte er versöhnlich. Warum soll man sich unnötig Feinde verschaffen, dachte er, es geht doch auch im Guten.

„Meine“, nickte der Hausmeister. „Sie hieß Glück.“

„Glück?“

„Kann eine Katze vielleicht nicht Glück heißen?“

„Hatten Sie sie sehr gern?“, sagte er, als er sah, dass der Hausmeister vor ihm wieder in leises Weinen ausbrach. „Sie hätten sie irgendwo in der Erde vergraben sollen.“

„Wenn ich sie vergraben hätte, hätte ihre Seele nicht frei weggehen können. Die Erde hätte sie bedrückt.“

„Ach so“, sagte er und fügte verständnisvoll hinzu, „ich muss schon gehen...“

Der Hausmeister nickte einige Male mit dem Kopf.

Er schloss leise die Tür, ging durch den dunklen Gang und auf der Treppe an den Blumenbildern und Lämmchen auf dem Podest vorbei nach oben, ging durch die Tür auf die Terrasse zum Tor. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, aber obwohl er an dem Tor rüt>



       
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